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1. Zahnärzte sind auch nur Menschen
Sie hielt den Atem an. Noch für einen Moment zögerte sie, dann setzte sie das Skalpell an und durchtrennte die Haut über der Halsschlagader . . . Das lässt Sie kalt? Dachte ich mir. Das haben Sie sicher schon ein Dutzend Mal im Fernsehen gesehen. Na schön, hier geht es auch nicht um einen Krimi, sondern um die Erlebnisse und Beobachtungen einer Zahnärztin im Laufe der letzten fünfunddreißig Jahre.
ZAHNARZT Aha – nun zucken Sie zusammen. Warum denn, lesen Sie nur weiter. Ach, Sie meinen, dass Sie immer zusammenzucken, wenn das Wort Zahnarzt fällt? Nicht doch, es ist nur ein Wort.
Zahnärzte sind auch nur Menschen.
Sie bezweifeln das? Sie glauben, dass man für diesen Beruf geboren sein muss? Sozusagen ein spezielles Gen mitbekommen haben muss, ein Horror-Gen, das uns befähigt ohne eine Miene zu verziehen den Bohrer anzusetzen? Ich versichere Ihnen, dem ist nicht so!
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Ach ja, der Anatomiesaal! Haben Sie sich jemals gefragt, warum Mediziner manchmal etwas abgebrüht wirken und hart im Nehmen sind? Nein, es ist eben nicht das oben erwähnte Horror-Gen. Die Antwort ist: wir sind alle durch die Anatomie- und größtenteils auch Pathologiepraktika gegangen. Stellen Sie sich vor - das heißt, wenn Sie sehr zart besaitet sind - sollten Sie vielleicht erst nach dem nächsten Absatz weiterlesen. Damit meine ich jene Leser unter Ihnen, die im TV die Serie Quincy *** erst nach dem Vorspann einschalten.
Also stellen Sie sich eine große Doppeltür vor, vor der siebzehn ahnungslose Zahnmedizinstudenten und mehr als doppelt so viele aber ebenfalls noch ahnungslose Studenten der Medizin stehen. Durch diese Türe, die sich gleich öffnen wird, dringt ein seltsam stechender Geruch, der einigen bereits die Augen tränen lässt. Der Herr Professor erscheint mit seinem Adlatus (lat. der Gehilfe) und lässt aufschließen. Vor uns tut sich ein riesiger Saal auf, in dem in mehreren Reihen Metalltische stehen, auf denen sich die in Formalin getränkten Leichen befinden, die es nun zu sezieren gilt. Ach ich merke schon, Sie kennen das und Schlimmeres inzwischen wirklich alles aus dem TV. Aber bedenken Sie bitte, gerichtsmedizinische Sendungen gab es im deutschen Fernsehen damals noch nicht und auch das Farbfernsehen selbst war gerade erst eingeführt worden. Einige von uns wurden dann auch sehr grün im Gesicht, andere verließen zunächst wieder fluchtartig den Saal, während sich die Tapfersten um die Tische gruppierten. Zwei Zahnmediziner rechts und links neben dem Kopf, vier Mediziner rund um den restlichen Körper . . .
*** Es ist (das ist eine nachträgliche Anmerkung) noch gar nicht so lange her, dass ich dieses Buch geschrieben habe. Wenn ich mir überlege, welche Scheußlichkeiten das Fernsehn inzwischen bereit hält, dann ist der Hinweis auf die Serie “Quincy” fast mit dem Sandmännchen gleich zu setzen.
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